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Die neue Weltmacht China und seine Sonderzonen Macao und Hong Kong, Taiwan sowie die halboffiziellen und alternativen Initiativen chinesischer Akteure bringen es auf rund zehn, teilweise übervolle und mangasatte Spielstätten mit Hunderten von Künstlern. Am schlimmsten aber treibt es Italien. Es berieselt die Besucher mit Kunst, als ginge es um eine Dauerwerbesendung im Nachmittagsfernsehen. Der durchaus renommierte Kunsthistoriker, skandalträchtige TV-Moderator und Kulturpolitiker Vittorio Sgarbi zeigt in wilder Hängung übereinander an den Wänden und auf einer Art Garderobenstangensystem hintereinander, irgendwo zwischen Basar und futuristischer Provokation, Arbeiten von weit über 200 Künstlern. Diese wurden aber nicht von ihm, schon gar nicht von Kuratoren, Kritikern oder Galeristen ausgewählt, sondern von ebenso vielen Schriftstellern, Poeten, Filmemachern, Architekten oder Musikern, also bekannten Intellektuellen, die ausdrücklich sonst nichts mit der Welt der Kunst zu tun haben sollten. So hat beispielsweise der Architekt Mario Botta eine lebensgroße Figur einer nackten schwarzen Frau mit Cello ausgewählt, aus Bronze, täuschend echt bemalt, und in höchsten Tönen als sublime Darstellung der Schönheit von Mensch und Musik gelobt. Kurz - das Ergebnis von Sgarbis Auswahlmodell ist eine Orgie geschmacklicher Verwirrung samt naiven Blumen, nackten Frauen unten und Porträts von Berlusconi und Sgarbi selbst.

Das zweimal in Neon geschriebene Motto der Ausstellung ist: »L’arte non è cosa nostra«. In der Lesart »Kunst ist eben nicht unsere Sache« ließen sich ja noch Rückschlüsse auf den Zustand Italiens im mafiaaffinen Vergnügungsreich des Herrn Berlusconi ziehen oder man könnte kopfschüttelnd hinausgehen und alles vergessen. Aber es ist leider viel schlimmer: Gelesen als L’arte non è »cosa nostra« - Kunst ist nicht die Mafia - ist das Ganze eine lärmende Absage an die Moderne überhaupt und eine explizite Kriegserklärung an jegliche Kriterien. Hier werden alle Errungenschaften der Kunst in den letzten hundert Jahren, vom white cube bis zum Ortsbezug, von der Abstraktion zum Konzept, von der Konsensabhängigkeit bis zur Wissenschaftsaffinität aufgekündigt.

Die Kritiker und Kuratoren, die idealerweise dem Publikum mit der grundsätzlich nötigen Vermittlung beistehen, sehen sich als Betrüger und Verdummer diffamiert. Wer sich so positioniert, sei es aus politischem Kalkül oder purem Zynismus, bedient einen lächerlichen und gefährlichen Populismus, der zudem deutlich an die Diktion der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts erinnert. Das Geflecht zwischen Kuratoren und Galeristen, Kritikern, Sammlern und Auktionshäusern mag manchmal undurchschaubar scheinen, mit Ortsbezug sei nur an Francois Pinault erinnert, Sammler, Auktionshausbesitzer und Betreiber zweier venezianischer Locations, in denen sich so manches Stück von früheren Biennalen wiederfindet. Doch Sgarbis Alternativmodell der Auswahl ist ja genauso rätselhaft, bloß eben inkompetenter. Ohnehin ist eine Absage an die Fachleute im Kunstbetrieb schon deshalb unsinnig, da jeder Betrieb immer auf Fachleute angewiesen ist - sicher wird auch Vittorio Sgarbi sein Auto zur Reparatur kaum in eine Werft fahren, nicht mal in Venedig. Dass auf der anderen Seite des Hafenbeckens noch weitere Hallen mit Arbeiten von etwa 200 Kunststudenten (je zehn aus den 20 italienischen Akademien) zum Projekt gehören, dazu Präsentationen von etwa 1000 weiteren Künstlern in den Regionen Italiens und zusätzlich in den weltweit 89 italienischen Kulturinstituten, zeigt den ebenso titanischen, wie sinnlosen Anspruch dieses populistischen Erfassungsversuchs zum 150. Jahrestag des italienischen Staates: Teilhabe aller um den Preis der Beliebigkeit nach dem Muster vollverdummender Fernsehshows.
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