Start Hinweise • Texte Fotografien Vita Links Kontakt


Seite 3

Für Sgarbi gilt eigentlich nichts außer der italienischen Renaissance, er ist ein erklärter Gegner der Moderne und mit seinem vorzugsweise in TV-Shows aufbrausenden Temperament mehrfach wegen Beleidigungen vorbestraft. Auch anlässlich der Eröffnung mit nacktem Pornostar suchte Sgarbi erneut Streit mit den Doyens der italienischen Kunstkritik, Germano Celant und Achille Bonito Oliva. Indem sie die Fachleute der Kunst ausschließt, weder die Künstler noch die Werke ernst nimmt und die sonstige Elite Italiens bis zur Lächerlichkeit vorführt, vernichtet diese absurde Veranstaltung die Kunst als Ganzes - und das natürlich mit dem geschickten Anspruch, sie in ganzer Breite vorbehaltlos zu zeigen und allen zugänglich zu machen. Doch »bloß alles« zu zeigen ist müßige Tautologie, der jedes Argument fehlt. In Zeiten universeller Informationszugänglichkeit werden qualitative und bedeutende Filter gebraucht, nicht der Verweis auf weitere Massen an Material. Auswahl konstituiert Bedeutung: Aus Tönen zur Musik, aus Worten zur Literatur, aus der Kunstproduktion zur thematischen Ausstellung und ins Museum. Trotz eines Körnchens Wahrheit bedarf der ja auch hierzulande populäre Vorwurf, die Kunst mit ihren Kuratoren und Galeristen sei noch über die Marktmechanismen hinaus wesentlich als ein mafiöses System zu beschreiben, des energischen Widerspruchs - besonders wenn er an so prominenter Stelle vom Gastgeberland der ältesten Biennale der Welt offiziell vorgetragen wird.

Was Kuratoren wirklich leisten, wird nicht weit entfernt vorgeführt: In der alten Halle des Isolotto im Arsenale findet sich eine der gelungensten Gruppenschauen dieser Biennale. Alfons Hug, der Leiter des Goethe- Instituts in Rio de Janeiro und ehemalige Kurator zweier Biennalen in São Paulo hat als Gastkurator für das Italienisch-lateinamerikanische Institut eine Ausstellung zum 200jährigen Jubiläum der Unabhängigkeit Südamerikas gemacht. War jene Institution einst berüchtigt für seltsame Ausstellungen mit gemalten Papageien aus Paraguay ist hier jetzt unte dem Titel »Entre Siempre y Jamás« (zwischen immer und niemals) ein höchst eindrucksvoller Einblick in Kunst, Kultur und Probleme des Kontinents gelungen. 20 Künstlerinnen und Künstler aus Südamerika und vier weitere, deren Thema diese Region ist, zeigen von den Wasserstraßen des Amazonas bis zu den Indianern Feuerlands eine Welt zwischen alter Kultur und großstädtischer Verwahrlosung, zwischen Ausbeutung und Hoffnung. Videos zeigen, wie Simon Bolivars Texte mühsam auf Englisch gelesen werden, wie Obama mit Südamerikanern Tango tanzt (samt politischem Kommentar aus dem Off), wie eine Beinlose von einem Blinden getragen wird, den sie führt. Es gibt Schmuck für Arme, Parfüm mit dem Duft der Kriegsangst und eine Edelstahlschale voller Indianerzähne. Der Pavillon zeigt sogar den goldenen Löwen der Biennale. Aber es ist nur eine billige südamerikanische Kopie - den echten, der ihr auf der 51. Biennale 2005 als beste junge Künstlerin verliehen worden war, hatte die guatemaltekische Künstlerin Regina José Galindo aus Geldmangel verkauft. Ein schönes, ein leises Statement zum Preis des Gepriesenwerdens, zu Kulturwirtschaft und Weltwirtschaft.
mehr...

« zurück | 1 | 2 | 3 | 4 | 5| weiter »

 
Impressum