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Und wie verteilt die Jury selbst dieses Jahr die Löwen? Einigermaßen überraschend. Mit dem deutschen Pavillon wird unverständlicherweise ein sentimentales Rührstück prämiert. Provokant schamloses öffentliches Sterben und posthume Ehrung wird mit künstlerischer Gestaltung verwechselt. Als Ehrung für Schlingensief wäre der Preis noch zu verstehen, aber der beste Nationen-Pavillon ist der deutsche nun wirklich nicht. Zudem wird weit über jede intelligente Grenzverschiebung hinaus eine Inszenierung gelobt, die nicht nur mit dem Theatralischen spielt, sondern ganz direkt ein transponiertes, drei Jahre altes Stadttheater-Bühnenbild ist.

Selbst der Preis für den besten Künstler geht mit Christian Marclay nicht gerade an ein Kunstwerk im engeren Sinne - auch wenn man sich daran gewöhnt hat, dass dergleichen umfangreiche Filmstudien wie »The Clock« schon lange nicht mehr im Kino verortet sind. Immerhin betreibt die cineastisch schwelgerische Fleißarbeit einer 24-stündigen Filmcollage die intelligente Vergegenwärtigung, die fiktive Zeit der Uhren auf der Leinwand mit der Realzeit der uhrengetriebenen Betrachter zu synchronisieren - sofern Zeit überhaupt beanspruchen kann, real zu sein. In dieser erzwungenen Unmittelbarkeit ist es sicher eine Arbeit von starker Attraktion und großer Nähe zum Publikum.

Auch das Herbeischleppen von gebrauchten Mülleimern aus mehreren anderen Städten ins Arsenale durch die in Berlin lebende Schwedin Klara Lidén wird von der Jury lobend hervorgehoben. Es ist eine Post- Fluxus-Geste, die angesichts des völligen Fehlens von Ironie an so manch anderer Stelle auch die Lesart beiläufiger Verachtung zumindest zulässt. Wie ernst und aufwendig hingegen neu hinzugekommene Länder wie Saudi-Arabien oder Bangladesh darum ringen, Problemen und Themen eine künstlerische Form zu geben, zeigt deutlich, dass Kunst heute ein extrem weites Feld mit kaum mehr vergleichbaren Regeln ist. So auffällig bei den 83 Künstlerinnen und Künstlern in Bice Curigers Auswahl das hohe Maß an Kunstreflexion, an Meta- und Diskurskunst ist, so sehr bemühen sich andere darum, Filter, Medium und Ausdruck der politischen Situation zu sein. Dramatisch ist der Wandel im ägyptischen Pavillon: Statt wie sonst schon mal Keramik, Teppiche und Wüstensand gibt es die Video-Dokumentation einer Aktion von Ahmed Basiony und Bilder vom Tahrir-Platz in Kairo, wo der Künstler erschossen wurde. Auch »The Future of a Promise«, eine kuratierte Ausstellung arabischer Kunst, vermittelt nachdrücklich aktuelle Fragestellungen und Umbrüche in Nahost.

Der US-amerikanische Pavillon mit dem zum Joggen umgenutzten Panzer und den Turnereien ehemaliger Olympioniken auf Business- Class-Sesseln ist in seiner US-Kritik selbst so uramerikanisch ausgefallen, dass es wirklich als Lehrstück taugt. Hochachtung verdient der israelische Pavillon mit Sigalit Landaus gleichermaßen künstlerisch wie politisch beeindruckenden Arbeiten. Und gewiss Yael Bartana, die erste Nicht-Polin, die den polnischen Pavillon bespielt: Ihre Installation mit drei Filmen zum »The Jewish Renaissance Movement in Poland« sind ein mehrschichtiges politisches Konzeptkunstwerk, das auf allen Ebenen beeindruckt.
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