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Was ein Unterschied zum kalkulierten Irrsinn des italienischen Pavillons! Montenegro hingegen nutzt seinen Auftritt, um die Überlassung der einst größten Kühlschrankfabrik des Südostens in Cetinje an Marina Abramovic zwecks Schaffung eines Welt-Performance- Zentrums zu verkünden - eine große Geste für ein kleines Land. Und soll es schließlich schön und absolut perfekt inszeniert sein, dann bietet sich der Pavillon Österreichs an. Allerdings darf man bei Markus Schinwald davon ausgehen, dass es schon etwas problematisch und manieriert, labyrinthisch und zwanghaft zugeht: Bauliche Interventionen und gemalte Prothesen, barocke Tischbein-Skulpturen und Durchblicke auf die Beine der Besucher, dazu Filme, die traumatische Situationen choreographieren. Passt schon, dass der Freud ein Wiener war.

Was Venedig immer eine Reise wert macht, ist die unkopierbare Kombination aktueller Kunst gleich welcher Art mit der Würde der Tradition dieser tausendjährigen Stadt. Ohne diesen Metatext der gegenseitigen Spiegelung wäre all das nur die Hälfte: Bilder vor zerschlissenen Seidentapeten, eine kubisch geschnittene Melone in einem mit Chinoiserien ausgemalten Boudoir, künstlerisch-wissenschaftliche Hühnerzuch samt Marmorhuhnbüst im Pantheon der Venezianischen Wissenschaftsakademie oder die hohe Eleganz mit der, von Germano Celant kuratiert, die Sammlung Prada ihre Kunstwerke in den prunkvollen Palast Cá Corner della Regina integriert hat.

Im Übrigen erscheint die größte Kunstschau, die die Lagune je sah, von den hitzigen Köpfen bis zu den nassen Füßen (Aqua alta) in der Überfülle eher ratlos. Aus einer immer schon wegen ihrer Vielgesichtigkeit interessanten Großausstellung ist eine Art weltweiter Kunstmarkt geworden, an dem sich mit hinreichend Geld fast jeder beteiligen kann. Vielleicht haben ja die von Sgarbi so geschmähten Kuratoren nicht zu viel, sondern zu wenig Entscheidungsmacht? Entscheidungen treffen aber im jenseits einzelner Großereignisse immer weniger staatlich unterstützten Kunstbetrieb mehr denn je die Sammler: Manches aus dem venezianischen Großaufgebot wird sich in Privatsammlungen wiederfinden, anderes leider oder zu Recht vergessen werden. Doch die spätestens abends bei Spritz und Prosecco vorgetragene Meinung der Kritiker wird bei einem letztlich doch kommerziell ausgerichteten Event weitgehend folgenlos bleiben und sicher keine neuen Kriterien erzwingen. Aber wirkliche Erleuchtung naht: In zwei Jahren wird sich endlich der Vatikan an der Biennale beteiligen.



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