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Frank Stella (Wolfsburg)
»Der Musterknabe des Minimalismus wurde zum Heros des Gefühls

artist Nr 94, S. 32 – 37 von Hajo Schiff:

Wie schreiben über einen Künstler, der schon tausendfach beschrieben wurde, der zu seiner Wolfsburger Retrospektive als „letzter lebender Heros der amerikanischen Malerei“ gepriesen wird und der selbst über Kunst doziert hat, als mehrfacher Ehrendoktor u.a. in Princeton und in Jena? Wie schreiben über jenen jetzt mehr als 75-jährigen, für den das Label „vom Minimalismus zum Maximalismus“ erfunden wurde? Wie nur ganz wenige durch gleich zwei Retrospektiven im New Yorker MoMa ist seine Position hochgradig abgesichert, aber wie „amerikanisch“ ist das denn und wo liegt die Aktualität von Frank Stella? Dass das gute Kunst ist, ist unbestritten, aber um was eigentlich handelt es sich bei diesen neueren quietschbunten Materialverknäuelungen und unbaubaren Architekturen genau? Und sind diese angeblich abstrakten und dennoch literarisch konnotierten Arbeiten den schweren Verrat am Minimalismus eigentlich wert? Und wenn Frank Stella sich schon von einem Großteil der heutigen Kunst, so Performance, Video und Photo, fast aggressiv abgrenzt, wenn ihm alle „rhetorischen“ Künste zuwider sind, wie verhält sich mit seinen Illustrationen zu Melvilles „Moby Dick“?

Es scheint sinnvoll, ein derartig wortwörtlich auswucherndes Werk in der umfangreichsten Präsentation seit 15 Jahren eher mit Fragen zu konfrontieren, als die etwa 63 Arbeiten – durchaus auch möglich – es einfach nur zu genießen. Doch selbst mit dem Begriff „Werk“ kommt schon wieder eine Frage auf: Was konstituiert jenseits der Person und über das einzelne Objekt hinaus hier eigentlich einen Werkzusammenhang – schließlich scheinen die „Black Paintings“ von 1959/60 und die aktuellen, von der Wand in den Raum explodierenden Kunststoff-Variationen über die Cembalo-Sonaten von Scarlatti von völlig verschiedenen Ausgangspunkten zu kommen, wenn nicht von ganz unterschiedlichen Künstlern.

Der Eine ist der große abstrakte Maler, der mit schon mit 34 Jahren eine Retrospektive im Museum of Modern Art erhält. Zwischen 1958 und dieser kunsthistorischen „Heiligsprechung“ 1970 entwickelt er nicht nur seine frühe, noch gestische Malerei zu den „Black Paintings“, jenen mit breitem Pinsel mechanisch aufgetragenen Lineaturen, er beginnt auch schon 1960, die Leinwand nach den Notwendigkeiten dieser Konzepte zu formen. Mit leerer Mitte, T – und U – förmig nimmt der Malgrund immer ungewöhnlichere Formen an, bis Mitte der Sechziger die „Irregular Polygon Paintings“ entstehen, Arbeiten, die Frank Stella bis heute für seine bedeutendsten hält. Doch schon ab 1967 sieht die New Yorker Kunstkritik die reine Abstraktion verletzt. Denn in den äußerst erfolgreichen und beliebten „Protractor Series“ zeigt sich nicht nur in der Farbigkeit ein Pop-Element, die Referenz auf reale Winkelmaße und keltische und islamische Formensprache weist mit ihrer – wenn auch noch nur ornamental ausgedrückten – Erzählung über das Bild als bloßes Bild hinaus.
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